Geschichtsrevisionismus auf Funktionärsebene der AfD
Dieser Text wurde veröffentlicht am:
30. Juli 2025
Der Sankt-Augustiner-Stadtverband der AfD veröffentlichte am 08. Mai 2025 ein Sharepic auf Instagram. Hier war zu lesen: „08. Mai – Wir feiern heute keine Befreiung, wir gedenken einer Niederlage“. Während der 08. Mai 1945 von Vielen primär mit dem Ende des mörderischen NS-Regimes in Verbindung gebracht wird,
scheint dieser Tag für Funktionäre der AfD in erster Linie eine historische Niederlage zu symbolisieren.
Geschichtsrevisionistische Positionen aus dem AfD-Umfeld beziehen sich keineswegs nur auf die Zeit des Nationalsozialismus. Sie betreffen auch das deutsche Kolonialregime und Ereignisse im zweiten Weltkrieg. So veröffentlichte beispielsweise Rüdiger Lucassen (AfD-MdB/AfD-KV Euskirchen) am 20. Mai 2025 einen längeren Textbeitrag im sozialen Netzwerk X. Darin heroisierte er die Invasion der griechischen Insel Kreta durch deutsche Wehrmachtssoldaten am 20. Mai 1941: „Die soldatische Leistung der kämpfenden Einheiten wird bis heute von Militärhistorikern und Soldaten gewürdigt. Die persönlichen Schicksale der deutschen Fallschirmjäger rühren zu Tränen.“ Mit keinem Wort erwähnt Lucassen die Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, welche die Wehrmachtssoldaten während ihrer Besatzung Kretas verübten.
Zum historischen Hintergrund
Auf der Website des Projekts „Gedenkorte Europa 1939-1945“ wird über das Massaker an der kretischen Zivilbevölkerung informiert. Hieraus haben wir die folgenden Informationen entnommen:
Am 31. Mai 1941 ordnete der Befehlshaber der deutschen Truppen, General Kurt Student, eine Vergeltungsmaßnahme als Reaktion auf vermeintliche Angriffe gegen Wehrmachtssoldaten an. Dies richteten sich gegen die Zivilbevölkerung und beinhalteten: „[...] 1.) Erschießungen 2.) Kontributionen 3.) Niederbrennen von Ortschaften 4.) Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete.“ Weiter heißt es: „Es kommt nun darauf an, alle Maßnahmen mit größter Beschleunigung durchzuführen, unter Beiseitelassung aller Formalien und unter bewusster Ausschaltung von besonderen Gerichten. Bei der ganzen Sachlage ist dies Sache der Truppe und nicht von ordentlichen Gerichten. Sie kommen für Bestien und Mörder nicht in Frage.“ Deutsche Soldaten ermordeten auf diesen Befehl hin am 02. Juni 1941 rund 20 zivile Personen aus dem kretischen Ort Kondomari. Diese Erschießungen wurden durch den Wehrmachtsfotografen Franz Peter Weixler dokumentiert und später im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrechen-Prozesse vorgelegt. Kondomari wurde vollständig zerstört.
Im kretischen Ort Alikianos erschossen Wehrmachtssoldaten am gleichen Tag insgesamt 42 Menschen. Nikos Kazantzakis, Schriftsteller und 1945 von der griechischen Regierung mit der Berichterstattung über die deutschen Kriegsverbrechen beauftragt, beschreibt den Ablauf dieses Massakers so: „Am 2. Juni exekutierten sie auf dem Kirchhof 42 Männer, vor den Augen ihrer zum Zuschauen gezwungenen Frauen, als Sühnemaßnahme für die während des Angriffs getöteten Fallschirmjäger. Die Todgeweihten mussten eigenhändig ihre Gräber ausheben. Nachdem die Deutschen ihnen ihr Geld, ihre Ringe und Uhren abgenommen hatten, erschossen sie sie in Zehnergruppen und warfen ihnen jeweils - anstelle von Gnadenschüssen - noch eine Handgranate hinterher. Viele sind lebendig begraben worden. Augenzeugen berichten, dass sich die auf die Erschossenen geworfene Erde noch von den Todes-Zuckungen der so Begrabenen bewegte“. In einer größeren Aktion massakrierten Wehrmachtssoldaten am 01. August 1941 mindestens 150 Menschen aus Alikianos und weiteren kretischen Dörfern.
Der Befehlshaber Kurt Student kam nach Ende des Krieges nur kurzzeitig in Haft, die Ermittlungen gegen ihn wurden 1964 eingestellt. Alexander Andrae, verantwortlich für das Massaker vom 01. August 1941, wurde fünf Jahre später von einem Athener Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt und 1952 begnadigt. Noch heute wird der ermordeten Zivilist*innen auf Kreta gedacht: In einer Gedenkstätte in Kondomari sind Fotos der Hinrichtungen vom 02. Juni 1941 zu sehen, die von Franz Peter Weixler angefertigt wurden. In Alikianos befinden sich zwei Gedenkstätten, die sich mit den Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung auseinandersetzen.
Fazit
Rüdiger Lucassens X-Beitrag vom 20. Mai 2025 steht in der Tradition eines deutschen Geschichtsrevisionismus, der versucht den Mythos einer vermeintlich „heroischen“ und „moralisch untadeligen“ Wehrmacht zu konstruieren. Positionen wie diese werden von der seriösen Geschichtswissenschaft seit Jahrzehnten zurückgewiesen, bzw. schlicht als das benannt, was sie sind: Extrem rechten Propaganda. Dasselbe gilt für die eingangs erwähnte AfD-Veröffentlichungen zum 08. Mai 1945. (at)
