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„Jugend in Deutschland 1918-1945“

Ein neues Internetprojekt des NS-Dokumentationszentrums

Am 20. März 2012 hat das NS-Dokumentationszentrum ein neues Internetportal zum Themenkomplex „Jugend in Deutschland 1918-1945“ (www.jugend1918-1945.de) online gestellt. Dieser umfassende, neue Wege beschreitende und in seiner Art daher einzigartige Auftritt versucht zu zeigen, wie Jugendliche gelebt und was sie erlebt haben in einer Zeit, die von zwei Weltkriegen, Wirtschaftskrisen und Neuaufbrüchen erschüttert und geprägt wurde. Es war auch die Zeit, in der „Jugend“ überhaupt erst als eigenständiger Lebensabschnitt mit eigenen Lebensformen entdeckt wurde. Viele sahen in der jungen Generation einen Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft, andere erblickten in ihr aber eher eine manipulierbare Masse zur Durchsetzung eigener Ziele.

Das auf fünf „Säulen“ basierende Portal ermöglicht es nunmehr auf vielfältige Weise sich dem Leben und Denken Jugendlicher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu nähern. Hierbei helfen zunächst die auf jeweils neuestem wissenschaftlichen Stand erarbeiteten und stark ausdifferenzierten 20 Themen, die vielfach noch durch eigenständige lokale Auftritte (zunächst v.a. Köln und Essen) ergänzt werden. Von den großen konfessionellen, politischen und bündischen Jugendverbänden der Weimarer Jahre über ausführliche Darstellungen zur Hitlerjugend und zur Erziehung im Nationalsozialismus bis zu kriegsspezifischen Erscheinungen wie der Kinderlandverschickung, den Luftwaffenhelfern oder den vielfältigen Kriegshilfsdiensten bleibt kaum ein Aspekt ausgespart. Aber auch die verschiedenen Erscheinungsformen unangepassten Jugendverhaltens werden ebenso thematisiert wie die rassistisch motivierte Verfolgung und Ermordung von Kindern und Jugendlichen.

Diese „wissenschaftlich- objektive“ Säule des Projekts wird durch „individuell-subjektive“ Lebensgeschichten ergänzt. Bislang 48 umfangreiche Lebensgeschichten (zunächst ausschließlich von Essener Zeitzeuginnen und Zeitzeugen) ermöglichen eher spontane Einblicke in die Welt Jugendlicher während der Zeit des Nationalsozialismus. Zumeist entstanden auf der Basis von Zeitzeugengesprächen, spiegeln diese Biografien individuelle Erfahrungen wider, die oft in umfangreichen Videosequenzen aus den Gesprächen von den Betroffenen selbst geschildert und mit zahlreichen Fotos und Dokumenten illustriert werden. Hier kann man den Menschen zuhören, sozusagen mit Ihnen gemeinsam in ihren alten Fotos und Fotoalben „stöbern“, in Tage- und Fahrtenbüchern oder auch in alten Briefen lesen. Dabei sind einzelne Passagen der Lebensgeschichten immer auch mit relevanten Themen verknüpft, so dass sich der jeweilige Hintergrund der Lebensgeschichten erschließt und die subjektive Sichtweise der Erzählenden mit den sie damals umgebenden „objektiven“ Lebensumständen verbunden werden.

Der dritte wesentliche Bestandteil der neuen Internetpräsenz ist die „Chronik“, die eine wesentliche Ergänzung der Themen- und Lebensgeschichten darstellt und an wichtigen Punkten perspektivisch mit diesen auch direkt verknüpft werden soll. Hier werden nicht etwa die jeweiligen „Großereignisse“ der NS-Zeit erläutert (das geschieht ohnehin durch ein punktgenau direkt in den Text integriertes Lexikon), sondern die Einträge sind Ergebnis von intensivem Studium und ausführlicher Auswertung zeitgenössischer Akten und Zeitungen. Insofern stellen sie eine Art Schnittstelle zwischen den auf wissenschaftlicher Analyse und Erkenntnissen basierenden Thementexten und den subjektiven Lebensgeschichten dar. Ob Gestapo- oder Gerichtsakten, Unterlagen aus Verbandsarchiven oder Beiträge in zeitgenössischen Zeitungen, Zeitschriften und Mitteilungsblättern: All diese Erkenntnisse werden in oft sehr umfangreichen Beiträgen – zumeist selbst jeweils kleine „Geschichten“ – zur Verfügung gestellt und ermöglichen so eine weitaus intensivere Annäherung an die damaligen Verhältnisse als das die gezwungenermaßen abstrakteren Thementexte vermögen. Da diese Chronikeinträge zudem nicht nur nach zeitlicher Abfolge, sondern auch nach Schlagworten und Orten recherchiert und eingesehen werden können, vermitteln sie interessante, oft sehr aufschlussreiche und vielfach ganz neue Einblicke in den Alltag der damaligen Zeit.

Themen- und Lebensgeschichten werden nicht nur um Fotos, historische Filme und Dokumente ergänzt, sondern mit weiteren umfangreichen Materialien angereichert, die in aller Regel „Selbstzeugnisse“ der damaligen Jugendlichen sind. Fotoalben, Chroniken, Fahrtenbücher, Tagebücher, Briefwechsel: Diese Aufzählung stellt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem breiten Spektrum künftig verfügbarer Materialien dar. Sie sollen nicht nur die Lebensgeschichten vertiefen und Themen illustrieren, sondern zugleich Grundlage neuer Forschungen sein. Diese oft ausführlichen, in aller Regel aus Privathand stammenden Textkonvolute werden nämlich nicht nur als digitale Faksimiles, sondern auch transkribiert und – perspektivisch – inhaltlich erschlossen und wissenschaftlich kommentiert zur Verfügung stehen. Damit ermöglichen sie wissenschaftliche Forschung unter häufig neuen Fragestellungen, deren Erkenntnisse – hier schließt sich dann der „Projekt-Kreis“ – wiederum in die Thementexte einfließen sollen. All diese im Projektkontext erstmalig verfügbaren und erschlossenen Text- und Bildmaterialien sollen künftig im digitalen „Archiv“ präsentiert werden, wo sie leicht und je nach Fragestellungen treffsicher aufzufinden und zu nutzen sind.

Ergänzend zu diesen vier Hauptsäulen des neuen Internetauftritts soll perspektivisch auch das in stetigem Wachstum begriffene Lexikon nicht nur im Zusammenhang mit den jeweils zu erläuternden Begriffen, Ereignissen und Namen, sondern auch als alphabetisches Gesamtkonvolut mit klassischer Lexikonfunktion verfügbar gemacht werden.

In diesem Sinne stellt „Jugend in Deutschland 1918-1945“ ein in sich geschlossenes, aber jederzeit für Ergänzungen und Korrekturen offenes System dar, das auf Dauer nicht nur Leben und Handeln Jugendlicher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern zugleich auch gesellschaftlichen, politischen und mentalen Wandel und dessen Auswirkungen auf die damalige Lebenswirklichkeit verständlicher machen wird. Der damit verknüpfte Anspruch ist zugegebener Maßen ebenso groß wie die noch zu leistenden Arbeiten. Aber ganz im Sinne Erich Kästners („Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“) ist nunmehr der erste wichtige Schritt in die skizzierte Richtung getan. Nun bedarf es eines langen Atems und insbesondere weiterer Förderung (der bisher einzige Kooperationspartner ist der Landschaftsverband Rheinland), um den hochgesteckten Zielen näherzukommen. Wer das Projekt mit Materialien, Rat oder Tat unterstützen möchte, ist daher natürlich jederzeit herzlich willkommen.

Parallel zum Internetauftritt ist im Übrigen auch die umfangreiche Ausstellung „Begeistert! Unangepasst? Ausgegrenzt! – Jugend im Nationalsozialismus 1933-1945“ entstanden, die als Produktion des NS-Dokumentationszentrums bis Ende des Jahres im Haus der Essener Geschichte zu sehen ist.

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